Esoterik: Grundzüge, Leitgedanken und moderne Formen


Esoterik: Grundzüge, Leitgedanken und moderne Formen
Esoterik: Grundzüge, Leitgedanken und moderne Formen
 
Der um 1870 erstmals verwendete Begriff der Esoterik wird heute in doppeltem Sinn gebraucht:
 
1. als Sammelbezeichnung für okkulte Praktiken, Lehren und Weltanschauungsgemeinschaften,
 
2. für »innere Wege«, bestimmte spirituelle Erfahrungen zu erlangen, die von einer bloß »äußeren« Befolgung von Dogmen und Vorschriften zu unterscheiden sind.
 
Der Begriff Esoterik leitet sich ab von dem griechischen Adjektiv »esoterikos« (seit dem 3. Jahrhundert n. Chr. belegt), womit zunächst die Insider griechischer Philosophenschulen und deren Lehren bezeichnet wurden (der gegensätzliche Begriff »exoterikos« — nach außen gerichtet — findet sich bereits bei Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr.).
 
 Esoterik als Geheimlehre und Einweihungsweg
 
Mit »Esoterik« werden, anknüpfend an die oben bezeichnete Tradition, Geheimlehren bezeichnet, die nur für einen ausgewählten Kreis von Menschen zugänglich sein sollten und nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt waren.
 
Esoterische Traditionen finden sich in allen Kulturen. Ungeachtet ihrer Verschiedenheit zeichnen sich esoterische Gemeinschaften durch eine Reihe von Übereinstimmungen aus. Marc Roberts hat in seinem »Lexikon der Esoterik« folgende Merkmale herausgestellt: 1. Tradition. Die Lehren und die in der Gemeinschaft praktizierten Rituale wurden über Jahrhunderte hinweg in einer Kette von Meister zu Meister überliefert, am Beginn steht oft eine mythische Person. 2. Arkandisziplin oder Pflicht zur Geheimhaltung. Die Mitglieder müssen Schweigen über alles Gesehene, Gehörte und Erkannte bewahren. Die Lehrinhalte sind deshalb oft so formuliert, dass nur Eingeweihte sie verstehen können. Über die Mysterienkulte, die im Altertum an vielen Orten praktiziert wurden (z. B. in Griechenland die Mysterien von Eleusis), weiß man daher im Einzelnen nur sehr wenig. 3. Initiation oder Einweihung. Der Aufnahme in eine esoterische Gemeinschaft geht eine Zeit der Prüfung bzw. Selbstprüfung voraus, in welcher der Neuling (Neophyt) unter Leitung eines Meisters oder Gurus und abgeschirmt von seiner bisherigen Umgebung das Wissen der Gemeinschaft und ihr Mysterium erleben soll. In dieser Probezeit muss sich der Neuling manchmal gewissen Praktiken wie Fasten, Schlafentzug, Trance unterziehen oder Drogen einnehmen. Die Probezeit, an deren Ende der Neophyt »Erwachter« oder »Neugeborener« ist, schließt mit seiner Aufnahme in die Gemeinschaft ab. 4. Instruktion oder Belehrung. Der Initiierte wird nun von seinem Meister mit den esoterischen Lehren vertraut gemacht. 5. Ritus oder symbolhaftes Handeln. Die Praktiken einer esoterischen Gemeinschaft verbergen hinter ihrer äußeren Form einen inneren Sinn, der nur Eingeweihten verständlich ist. Als formale Mittel, um die Geheimhaltung und den Schutz des esoterischen Wissens vor Missbrauch vonseiten Fremder zu bewahren, dienen Bilder und Symbole, auch Geheimschriften. Zum Beispiel waren die Aufzeichnungen der Essener, einer vorchristlichen jüdischen Gemeinschaft, in einer Art Geheimschrift verfasst, bei der die Buchstabenfolge umgedreht wurde.
 
Hauptquellen der traditionellen Esoterik sind die Weisheitslehren des Ostens (Hinduismus, Buddhismus, Taoismus u. a.) und des Westens (Gnosis, Gralslegende, Alchemie, Kabbala, Mystik u. a.), die bis zu den Griechen und den Ägyptern zurückreichen. Alle großen Religionen kennen neben ihren bekannten (exoterischen) Lehren esoterische Traditionen, zum Beispiel das Christentum Gnosis und Mystik, das Judentum die Kabbala und den Chassidismus, der Islam den Sufismus, der Buddhismus die tantrischen Lehren. Auch der Orient, Stämme in Ozeanien, Afrika und die Ureinwohner Nord- und Südamerikas (Indianer) haben ein uraltes geheimes Wissen, das über viele Generationen hinweg tradiert wurde und heute von der modernen Esoterik entdeckt wird.
 
 Ein Blick in die moderne Esoterikszene
 
Kennzeichnend für die moderne Esoterik ist im Gegensatz dazu, dass sie nur sehr wenig Wert auf Geheimhaltung legt. Anders als in der bisherigen Geschichte der Esoterik sind esoterische Lehren und Praktiken heute durch Medien, Zeitschriften und einen reichhaltigen Buchmarkt einer breiten Öffentlichkeit zugänglich; Esoterik stößt in weiten Kreisen auf Interesse. Zudem hat sie sich in den westlichen Industrieländern zu einem lukrativen, weiterhin wachsenden Markt entwickelt. I-Ging-Kurse und andere Orakeltechniken werden in fast jeder größeren Stadt in Deutschland angeboten. Praktiken der östlichen Traditionen wie Hatha-Yoga, Taijoquan und Chi Gong sind Bestandteil des Programms vieler Volkshochschulen. Auf Wochenendkursen kann man z. B. lernen, mit seinem Schutzengel in Berührung zu kommen, Einweihungen in Reiki erfahren, an Schwitzhüttenzeremonien in indianischer Tradition teilnehmen, über glühende Kohlen laufen (Feuerlauf) u. a.
 
Nachdem die weitere Verbreitung der Esoterik mit einer Hinwendung vieler Menschen zu östlichen Religionen etwa seit den 1960er-/1970er-Jahren begonnen hatte, sind in der modernen Esoterik Traditionen des Ostens wie auch des Westens (z. B. germanische Runenkunde, keltische Druidenweisheit) gleichermaßen bekannt geworden — eine Entwicklung, die sich nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern in allen Industrieländern beobachten lässt.
 
Im Folgenden soll auf einige verbreitete Grundanschauungen der esoterischen Traditionen eingegangen werden. Des Weiteren werden Hintergründe für die Entwicklung der modernen »Esoterikwelle« erörtert. Es werden Trends und kritische Aspekte der modernen Esoterikszene aufgezeigt, insofern sich hier das Esoterikverständnis von der Tradition der alten Weisheitslehren unterscheidet. Abschließend wird auf Berührungspunkte und Unterschiede zwischen der traditionellen Esoterik und dem New Age eingegangen.
 
 Inhalte esoterischer Traditionen
 
Wenngleich die einzelnen esoterischen Richtungen durch das kulturelle und religiöse Umfeld geprägt sind, in dem sie entstanden, gibt es einige im Wesentlichen gemeinsame Inhalte der Esoterik:
 
Die Esoterik sieht den Menschen als Mikrokosmos an, der in das größere Ganze, das Universum, den Makrokosmos eingebettet ist. Mikrokosmos (»kleine Welt«) und Makrokosmos (»große Welt«) stehen in einer Entsprechung zueinander. »Das Untere ist gleich dem Oberen und das Obere ist gleich dem Unteren«, lautet ein von dem legendären Weisen Hermes Trismegistos formuliertes Grundprinzip der Esoterik. Was auf der oberen Ebene geschieht, wirkt auf die unteren Ebenen ein, und was auf der unteren Ebene geschieht, ist Abbild eines größeren Zusammenhangs dessen, was auf der oberen Ebene wirksam ist.
 
Ein weiteres auf Hermes Trismegistos zurückgehendes Grundprinzip der Esoterik lautet, dass alles in der Welt polar gestaltet ist; männlichweiblich, positivnegativ, hell — dunkel sind Beispiele dafür, dass die Phänomene jeweils in polaren Aspekten in Erscheinung treten. Wenn sich die Gegensätze verbinden, entsteht eine neue höhere Einheit. Der Kosmos wird zudem als ein lebendiges Ganzes, als eine Einheit angesehen, wobei alles miteinander in Verbindung steht.
 
Das bewusst erlebte Ich gilt in der Esoterik als die vergängliche Persönlichkeit des Menschen. Im Gegensatz dazu stellt das höhere »Selbst« unsere eigentliche Individualität von Ewigkeit her dar. Dessen wieder bewusst zu werden, ist das Ziel der Initiation. Ähnliches meint der schweizerische Psychologe C. G. Jung mit dem Begriff der »Individuation«, die einen durch Bewusstmachung und Selbsteinsicht gekennzeichneten Entfaltungsprozess des Einzelnen zu einer größeren Ganzheit hin beschreibt. Die humanistische Psychologie spricht von »Selbstfindung«.
 
Der esoterische Weg wird auch einem Erwachen verglichen, wohingegen die gewöhnlichen Sterblichen, auch wenn sie wachen und tätig sind, aus esoterischer Sicht schlafen. Der gewöhnliche Mensch lebt aus der Identifikation mit seinem physischen Leib, seinem Ego, das vergänglich und nur von kurzer Dauer ist. Er weiß nicht um das Ewige, das seiner Seele innewohnt. Aus esoterischer Sicht ist das Göttliche transzendent und zugleich der einzelnen Seele immanent. Über einen geistigen Entwicklungsweg und durch Initiation kann der Suchende des Göttlichen, das den Tod überdauert, in sich selbst bewusst werden. Das höchste Ziel wird mit Begriffen wie Einswerdung mit Gott, Erleuchtung, Nirvana beschrieben. Dabei wird zugleich die Todüberlegenheit des Menschen erfahren. »Erkenne dich selbst!«, die Losung, die am Apollontempel von Delphi zu lesen stand, dürfte für alle Einweihungswege gegolten haben.
 
Die verschiedenen esoterischen Traditionen unterscheiden sich in ihrer Auffassung und Haltung gegenüber der irdischen Welt.
 
Im Hinduismus besteht die höchste Lebensstufe darin, dass der Hindu alle irdischen Dinge aufgibt. Als Sannyasin (Samnyasa = Sanskrit »Entsagung«) verlässt er Haus und Familie und zieht in die Einsamkeit, um, das trügerische Spiel materieller, an die Welt bindender Freuden durchschauend, Befreiung und Erlösung zu suchen. Als Beispiel für eine extrem dualistische Sichtweise in der Esoterik lässt sich die auf frühchristliche Zeit zurückgehende Gnosis anführen. In der Gnosis galt die Materie als böses, gottfeindliches Prinzip, das zu überwinden sei. Der Leib wurde aufgefasst als das Grab der göttlichen Geistseele, die durch Rückkehr in das geistige Reich Gottes erlöst werden müsse. Im Mittelpunkt des Erlösungsweges standen Erkenntnis und Askese. Auch die ganze Welt sollte schließlich durch Befreiung des in ihr eingeschlossenen Lichtfunkens erlöst werden.
 
Als übergreifender Leitgedanke der modernen Esoterik läßt sich die Aufforderung fassen, »nach innen zu schauen«. Sie bildet zugleich eine Gegenbewegung zu dem seit Jahrhunderten in der westlichen Welt leitenden Bestreben, die Natur zu beherrschen und die materielle Welt zu gestalten. Die von der modernen Esoterik ebenfalls angeregte Gestaltung der Welt steht nicht mehr im Dienst des materiellen Fortschritts, sondern der inneren Reifung der Persönlichkeit. Die Bewältigung der Lebensaufgaben im »Hier und Jetzt« ist selbst Medium des in veränderter Einstellung begonnenen Entwicklungsweges (»Alltag als Übung«). Dieser beinhaltet einerseits das Postulat der psychologischen Arbeit an sich selbst im Sinne der Selbsteinsicht und der Klärung unbewusster Konflikte, andererseits wird eine Vervollkommnung der Persönlichkeit angestrebt. Tugenden, wie sie im Buddhismus, im Christentum und den anderen großen Religionen beschrieben sind, z. B. Achtsamkeit, Wohlwollen, Geduld, Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit (Nichtverletzen, in der indischen Tradition »Ahimsa«) sollen nicht nur den zwischenmenschlichen Umgang prägen, sondern auch das Verhältnis zu den Dingen, zu Tieren und Pflanzen, zur Natur insgesamt bestimmen.
 
Nach den Lehren des Buddhismus und des Hinduismus unterliegt der Mensch der Reinkarnation (lateinisch »Wiederverkörperung«). Im Tod legt er den grobstofflichen Leib wie eine gebrauchte Hülle ab und tritt ganz in die höhere Sphäre ein, um sich nach einer Zeit erneut auf der Erde zu verkörpern. Die Wiederverkörperung erfolgt nach dem Karmagesetz (karma = Sanskrit »Tat«). Wie die Existenz eines Menschen, das Erleben von Freude und Leid Wirkungen seiner Handlungen und Gedanken zu einer früheren Zeit sind, bestimmt er durch die moralische Qualität seines Tuns in diesem Leben seine zukünftige Existenz. Nach diesen Lehren ist der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern ein als Befreiung dargestellter Durchgang auf einem Entwicklungsweg; jeder Mensch durchläuft viele Existenzen, bis er Befreiung vom Geburtenkreislauf erreicht. Auf diese Weise wird das menschliche Leben eingebettet in einen größeren Evolutionsprozess verstanden, in dem es wesentlich um Bewusstseinsentwicklung, Läuterung und Vervollkommnung geht. Der Reinkarnationsgedanke fand auch in bestimmte Richtungen der westlichen Esoterik, z. B. in der Theosophie (Helena Blavatsky u. a.) und der Anthroposophie (Rudolf Steiner) Eingang.
 
 Die christlichen Kirchen und die Esoterik
 
Die Esoterik verbreitete sich im Westen zunächst in einem wachsenden Interesse für die östlichen Religionen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, insbesondere in den Großstädten sowie Intellektuelle, wandten sich dem Buddhismus oder indischer Yogapraxis zu. Auf diese Weise wurden seit den 1960er-Jahren vor allem der japanische Zen-Buddhismus sowie das Hatha-Yoga bekannt. Diese Entwicklung wurde durch den herrschenden Materialismus stark gefördert. Weder die Kirchen noch die Angebote schrankenlosen Konsums und immer neuer Lifestyletrends konnten verhindern, dass seit einer Reihe von Jahren in den westlichen Gesellschaften verbreitet Orientierungslosigkeit, Werteverfall, Sinnsuche beobachtet werden — und dies ungeachtet des wirtschaftlichen und technologischen Fortschritts und eines hohen Lebensstandards.
 
Für viele Menschen vermögen die christlichen Kirchen keine befriedigenden Antworten mehr auf existenzielle Erfahrungen wie Alter, Krankheit, Tod und Lebenskrisen zu bieten. Beklagt werden die Sinnentleerung unserer Zeit, der Verlust der Menschlichkeit (»Seelenlosigkeit«) unter dem Primat von Rationalisierung, Intellektualismus und Technologie. Eine Folge dieser Situation ist die zunehmende Hinwendung zu den östlichen Religionen und neuerdings zu esoterischen Lehren aus allen Kulturen.
 
Der Psychotherapeut und Esoterikforscher Rüdiger Dahlke nennt drei wichtige Bereiche, in denen die christlichen Kirchen Bedürfnisse ihrer Anhänger heute nicht mehr zureichend erfüllen und damit die Hinwendung zu östlichen Religionen und esoterischen Traditionen gefördert haben.
 
1. Die Kirchen haben es versäumt, den Zugang zur geistigen Welt, zur Transzendenz offen zu halten. Aus frühchristlicher Zeit sind zahlreiche Transzendenzerfahrungen und Wunder überliefert. Die Mitglieder der Urgemeinde erlebten noch persönlich die Tiefe ihrer Religion. Im ursprünglichen Sinne der Religio (= lateinisch »Rückverbindung«) hatten sie eine lebendige Verbindung zu Gott bzw. zur anderen Seite der Wirklichkeit. Mit der Entwicklung der Kirche und der zunehmenden Organisation des christlichen Glaubens traten, so Dahlke, solche Erfahrungen einer transzendenten Ebene, wie sie noch von Meister Eckhart und anderen Mystikern des Mittelalters bezeugt werden, hinter der offenbaren immer weiter zurück. Mehr Gewicht als die Wendung nach innen erhielt die kirchliche Autorität. Der Intellektualisierung der Glaubenspraxis, aber auch einem Rückgang der Rituale, die in neuerer Zeit im kirchlichen Leben an Bedeutung verloren haben, steht das Bedürfnis nach inneren Erfahrungen und religiösen Erlebnissen gegenüber, das einer Sehnsucht vieler Menschen der heutigen Zeit entspricht und das die Kirchen vielfach nicht mehr zu erfüllen vermögen. Wendung nach innen, innere Erfahrung stehen aber im Zentrum der esoterischen Lehren.
 
2. Den Gläubigen wird die eine Hälfte der Wirklichkeit, der weibliche Pol, vorenthalten. Dies kommt etwa in der traditionell geringen Wertung des Weiblichen in der christlichen Religion wie auch der westlichen Gesellschaft zum Ausdruck.
 
Demgegenüber haben der Feminismus mit seiner Kritik an der Vorherrschaft des Patriarchats sowie die Ökologie- und Friedensbewegung dazu geführt, dass heute vielfach eine ganzheitliche Sichtweise der Wirklichkeit als wegweisend angesehen wird. Diese geht davon aus, dass alle wesentlichen Prozesse des Lebens miteinander verknüpft sind, dass die Polaritäten männlich — weiblich, Geist — Materie, gut — böse, in denen sich die Wirklichkeit darstellt, zusammengehören und voneinander abhängig sind. Die übergeordnete Einheit alles Seienden sowie die zyklischen Erneuerungsbewegungen, denen alles unterliegt, weisen in eine neue Richtung des Denkens, die zugleich an alte esoterische Überlieferungen, etwa an die Spiritualität der Indianer und den chinesischen Taoismus, anknüpft. Eine solche Sichtweise macht esoterische Traditionen fruchtbar für ein verändertes, sich von den Lehren der christlichen Kirche unterscheidendes Verständnis der Materie (darin steckt »mater« = lateinisch »Mutter«), des Verhältnisses der Geschlechter sowie der Natur.
 
3. Rituale spielen in den Kirchen heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Das gilt stärker noch für die evangelischen Kirchen. In der katholischen Kirche haben Rituale an Gewichtung verloren in dem Maße, wie etwa versucht wird, sie der heutigen Zeit anzupassen (z. B. Aufhebung der Liturgie in lateinischer Sprache).
 
Rituale, mit denen bestimmte Lebensabschnitte oder die Aufnahme in eine neue (religiöse) Gemeinschaft zelebriert werden (z. B. Taufe, Konfirmation, Heirat, Ordination, Aufnahme in einen Geheimbund) entsprechen jedoch einem tief liegenden individuellen wie auch gesellschaftlichen Bedürfnis. Stammeskulturen kennen Initiationsriten, durch die anknüpfend an die Pubertät die Aufnahme der Jugendlichen in die Gemeinschaft der Männer (oder weniger ausgeprägt der Frauen) vollzogen wird. Hierzu können Merkmale gehören wie zeitweilige Isolation von der Gesellschaft, Bestehen von Mutproben, Ertragen von Hunger und Durst, Einhaltung von Tabus, Begegnung mit der Erfahrung von Tod und Wiedergeburt. Rituale in diesem Sinne stellen wichtige Reifungsschritte auf dem Lebensweg dar. Sie dienen der Erhaltung und Tradierung der Werte der sozialen Gemeinschaft, die im Zusammenhang des Rituals vermittelt werden. Für den Einzelnen, der das Ritual durch entsprechende Symbole erfährt, wird dadurch seine neue Lebensstufe, seine soziale Rolle in einer für ihn wie für die Gemeinschaft verbindlichen Weise definiert und festgelegt.
 
Auch die christlichen Jahresfeste, die — wie Ostern und Weihnachten — zum Teil bereits in vorchristlicher Zeit gefeiert und vom Christentum dann übernommen und umgedeutet wurden, stellen solche Rituale dar
 
Auf die grundlegende Bedeutung der Rituale als Träger von Kultur weisen nicht nur zahlreiche Ersatzrituale, die mit dem Schwinden religiöser Rituale in der Gesellschaft Verbreitung gefunden haben (z.B. das Rauchen), sondern auch das erneute Interesse an Ritualen in der modernen Esoterikszene. Zulauf finden hier z. B. Sonnenwendfeiern, Vollmondfeiern, Heilungsrituale, Rituale des Buddhismus; als attraktiv gilt auch der zeitweilige Aufenthalt in einem Zen-Kloster, einem indischen Ashram oder einer anderen spirituellen Gemeinschaft mit ihrem ritualisierten Tagesablauf.
 
 Zur Konvergenz von westlicher Wissenschaft und esoterischem Weltbild
 
Unterstützung erhält die moderne Esoterik außerdem durch die Naturwissenschaft. Vor allem die Physik hat ausgehend von der Relativitätstheorie und der Quantentheorie ein Weltbild entwickelt, das alten esoterischen Lehren sehr nahe kommt. Damit hat sie esoterische Vorstellungen auch für wissenschaftlich kritische Menschen annehmbar gemacht.
 
Die verschiedenen Modelle der subatomaren Physik haben z. B. deutlich gemacht, dass die Bestandteile der Materie und die daran beteiligten Grundphänomene nicht isolierte Einheiten bilden, sondern zusammenhängen, miteinander in Beziehung stehen und nur als integrierte Teile eines komplexen Ganzen Bestand haben. Diese Sichtweise unterscheidet sich von den Grundsätzen der klassischen Physik in der Tradition I. Newtons, denen zufolge das Universum aus isolierten Grundbausteinen besteht, die mechanischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, wobei zudem Geist und Materie als vollkommen voneinander getrennt angesehen werden. In diesem Zusammenhang äußert der österreichisch-amerikanische Wissenschaftler Fritjof Capra: »Das Weltbild der modernen Physik ist ganzheitlich und ökologisch. Es betont die grundlegende Verknüpftheit und gegenseitige Abhängigkeit aller Phänomene und auch die innerlich dynamische Natur der physikalischen Wirklichkeit.« Capra weist auf die Ähnlichkeit der Erkenntnisse der modernen Physik zu den mystischen Traditionen hin. Auch hier stehen im Zentrum das Gewahrsein der Einheit und der gegenseitigen Beziehung aller Dinge und Ereignisse sowie die Erkenntnis, dass alle Phänomene in der Welt voneinander abhängige und untrennbare Teile des kosmischen Ganzen bilden.
 
Wenngleich im akademischen Denken und der breiten Öffentlichkeit immer noch das traditionelle mechanistische Weltbild vorherrschend ist, gibt es in verschiedenen Wissenschaften bereits Ansätze zu einem ganzheitlichen, ökologischen Denken. Häufig wird von einem »Paradigmenwechsel« gesprochen, wobei unter »Paradigma« die Gesamtheit der Wertvorstellungen einer wissenschaftlichen Gemeinschaft verstanden wird. Danach erfolgt die Ablösung von dem bisherigen Paradigma der analysierenden, trennenden, linearen Sichtweise, die ein Gesamtphänomen allein aus der kausallogischen Betrachtung der Einzelerscheinungen zu erfassen sucht, zugunsten einer ganzheitlichen, ökologischen Sicht der Dinge, bei der die Verbundenheit und Zusammengehörigkeit aller Erscheinungen des Kosmos als höchste Wirklichkeitsform zutage tritt. Verschiedene Ansätze eines solchen Paradigmenwechsel im Sinne einer Betrachtungsweise, die systemische und organische Zusammenhänge in den Vordergrund stellt, finden sich über die Physik hinaus vor allem in der Medizin, den Wirtschaftswissenschaften, der Psychologie und der Ökologie.
 
 Kritische Trends in der Esoterikszene
 
Den alten Traditionen zufolge bezeichnete die Esoterik eine Art Einweihungsweg, bei dem es um Erkenntnis der kosmischen Gesetzmäßigkeiten, um Bewusstmachung von Lebensmustern und Verwandlung ging. Der Suchende war vor die Aufgabe gestellt, die kosmische Ordnung zu erkennen und sich in diese einzufügen. Dieser Weg der Selbsterkenntnis forderte das ernste und angestrengte Bemühen des Suchenden.
 
Eine Abkehr von diesem Verständnis der Esoterik bedeutet es, wenn heute esoterische Praktiken bisweilen dazu verwendet werden, unmittelbar den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu dienen. Die Grundlagen und Zusammenhänge einer esoterischen Tradition werden dabei gleichsam ausgeblendet und esoterische Praktiken persönlichen, oft materiellen Interessen dienstbar gemacht. So werden manchmal Horoskope, Tarotkarten sowie andere divinatorische Praktiken dazu verwendet, auf leichte und schnelle Weise gegenwärtiges Unglück, Krankheitssymptome und andere Schicksalsschläge zu deuten. Aus esoterischer Sicht dagegen stehen solche Geschehnisse in komplexeren Zusammenhängen und können nur durch einen Erkenntnisprozess angemessen bewältigt werden. Ein Vertrauensmangel der Persönlichkeit zeigt sich darin, wenn etwa Kartenlegen, Pendeln oder die Wünschelrute auf vielfältige Weise auf alltägliche Entscheidungen, z. B. die Zuträglichkeit bestimmter Nahrungsmittel, Antwort geben müssen, anstatt dass der Betroffene das Experiment und die Entscheidung selbst und aus sich heraus wagt. Andere wenden sich esoterischen Praktiken (z. B. Astrologie) zu, um zu Geld zu kommen oder um in ihrem Geschäft erfolgreich zu sein, etwa indem manche Politiker und Manager vor wichtigen Entscheidungen den günstigen Termin beim Astrologen erfragen.
 
Ein Trend zu wachsender Kommerzialisierung der Esoterik zeigt sich darin, dass in bisher relativ wenig reglementierten und schwer zu regelnden Bereichen Klienten manchmal innerhalb kürzester Zeit selbst als Therapeuten oder Anbieter tätig werden — augenscheinlich ohne zureichende Schulung, verglichen mit den traditionellen Ausbildungswegen. Solche Entwicklungen findet man etwa bei Therapeuten, Kartenlegern, Hellsehern, Astrologen, »esoterischen Lebensberatern« und Heilern. In vielen Bereichen fehlen bisher den konventionellen Berufen vergleichbare Regelungen für Ausbildungsgänge und -zeiten und Normen für berufliche Qualifizierung, Niederlassung sowie Titelschutz. Diese Situation kommt einerseits dem Macht- und Geltungsdrang Einzelner, andererseits dem materiellen Interesse entgegen, das sich das wachsende Bedürfnis nach Lebensberatung und therapeutischer Unterstützung in der Bevölkerung zunutze zu machen weiß. Für den Klienten ist es daher heute zunehmend schwer geworden, in der Fülle der Angebote zu entscheiden, um meinen seriösen Berater und Therapeuten zu finden.
 
Als Kriterien für einen guten Therapeuten oder Berater wird manchmal empfohlen, darauf zu achten, 1. inwieweit der Therapeut oder Berater der persönlichen Entscheidungsfreiheit des Einzelnen Raum gibt; 2. ob er als Autorität mit quasi göttlichem Anspruch auftritt, oder ob er sich in seiner vollen Menschlichkeit zeigt; 3. schließlich auch, ob Honorarforderungen im Vordergrund stehen oder eine echte Unterstützungsbereitschaft zum Ausdruck kommt.
 
Wenngleich die Kommerzialisierung der Esoterik und damit einhergehende Möglichkeiten der Reduktion oder Verfälschung ihrer Lehren kritisch zu beurteilen sind, bleibt deren Wahrheit im ursprünglichen Sinn davon jedoch unberührt.
 
Manchmal werden heute bewusstseinswirksame Praktiken, z. B. bestimmte Meditationstechniken, aus den kulturellen und religiösen Zusammenhängen, in denen sie ursprünglich stehen, herausgelöst. Ihre unvorbereitete Anwendung kann jedoch, wegen der hierdurch ausgelösten Aktivierung machtvoller Inhalte des Unbewussten, schwere Gefahren für die seelisch-geistige Gesundheit mit sich bringen.
 
Einige wenden sich einer esoterischen Richtung, etwa als Anhänger des Dalai-Lama dem tibetischen Buddhismus, zu, um damit — für kürzer oder länger — einem Trend zu folgen. Andere — und auch darin liegt Verbreitung — bleiben dabei, die verschiedensten Richtungen kennen zu lernen und auszukundschaften. Den alten Lehren zufolge dauert der esoterische Weg des Lernens und der Vervollkommnung jedoch ein Leben lang. Zudem ist jede einzelne Richtung von ihrer jeweiligen Perspektive aus geeignet zum Wesentlichen hinzuführen.
 
Eine Verkehrung der Esoterik liegt vor, wenn sie als Flucht vor der Realität verwendet wird. Kritische Äußerungen weisen darauf hin, dass bisweilen Menschen in der Esoterikszene Halt suchen, die mit ihrem gewöhnlichen Leben nicht zurechtgekommen sind. Solches Ausweich- oder Meidungsverhalten hat seine Wurzeln jedoch nicht in den esoterischen Traditionen, die den Suchenden vielmehr dazu anhielten, sich den Lebensaufgaben zu stellen, um sie mit wachsender Selbsterkenntnis immer besser erkennen und bewältigen zu können.
 
In der Bhagavadgita, einem indischen Versepos, das etwa aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stammt und in Indien zu den meistgelesenen heiligen Büchern zählt, wird Fürst Arjuna durch den Gott Krishna kurz vor einer Entscheidungsschlacht auf dem Schlachtfeld belehrt: Es geht nicht darum, den Kampf zu meiden, sich aus dem Leben zurückzuziehen (auch ein Rückzug ist Handeln); ein Weg, um Vollendung zu erreichen, besteht vielmehr darin, zu handeln und den zugemessenen Aufgaben ohne Absichten, geleitet von Erkenntnis nachzugehen.
 
 Esoterik und New Age
 
Der Begriff New Age hat in den letzten Jahren eine starke Verbreitung erfahren. Im Folgenden soll auf Unterschiede und Berührungspunkte von New Age und Esoterik eingegangen werden.
 
Das New Age ist eine im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts in den USA aufgekommene weltanschauliche Bewegung. Kennzeichnend für das New Age ist die Überwindung der Krise des modernen technologischen Zeitalters durch Wiedergewinnung der Einheit der Menschheit und der Einheit von Mensch und Natur auf der Grundlage eines ganzheitlichen neuen Denkens und eines neuen Bewusstseins. Im Zusammenhang mit New Age wird in Anknüpfung an die astrologisch begründete Weltzeitalterlehre auch vom »Wassermannzeitalter« gesprochen. Die Weltzeitalterlehre nimmt einen zyklischen Geschichtsverlauf an. Danach verläuft die Geschichte in großen Zyklen von etwa 25 200 Jahren, wobei jeder Abschnitt von 2 100 Jahren unter der Vorherrschaft eines anderen Tierkreiszeichens, gegenläufig zum Tierkreis, steht. Menschliches Denken und kulturelle Entwicklungen unterliegen der diesem Tierkreiszeichen zugeschriebenen Prägung. Ab 1950 erfolgt gemäß dieser Lehre der Übergang vom Zeitalter im Zeichen der Fische zu dem des Wassermanns. Während für Ersteres die Ausbreitung des Christentums und die Entwicklung des individuellen Bewusstseins kennzeichnend gewesen seien, werden für das »neue Zeitalter« der Aufbruch zu einem synthetisch-umgreifenden Bewusstsein, zu einer neuen, universalen Humanität (Streben nach Brüderlichkeit, sozialer Gerechtigkeit) sowie insgesamt das Erreichen einer höheren Bewusstseins- und Evolutionsstufe der Menschheit erwartet.
 
Esoterik bezeichnet, wie oben dargelegt wurde, ein Urwissen der Menschheit, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, also mit langer Tradition verbunden ist, die von Meistern gehütet wird. Demgegenüber verzichtet New Age auf die bewusste Verbindung und den Rückgriff auf eine bestimmte Tradition. Verschiedene esoterische Lehren, Meditationstechniken, Richtungen der Psychologie werden nach pragmatischen Gründen einbezogen und synkretistisch miteinander verbunden. Nach der im New Age verbreiteten Auffassung soll der Einzelne dabei zum Regisseur seiner eigenen Evolution werden. Durch »Bewusstseinsveränderung« oder »Bewusstseinserweiterung« soll der Mensch des neuen Zeitalters geschaffen werden. Dieser ist durch ein überindividuelles, »integrales« oder kosmisches Bewusstsein ausgezeichnet, in dem der Einzelne seine höhere Einheit mit der Menschheit und dem Kosmos realisiere. Das letztere Ziel stimmt mit dem esoterischen Weg überein. Auch hier geht es schließlich um höhere Erkenntnis, die Realisierung der Verbundenheit des Einzelnen mit dem Kosmos. Die Wege zu dieser Erkenntnis sind jedoch verschieden; die Esoterik legt den Schwerpunkt auf die Bewusstseinsveränderung des Einzelnen und geht von längeren Zeitbegriffen aus als das New Age.
 
Den Ausgangspunkt des New Age bildet ein Paradigmenwechsel. Mit dem Begriff des Paradigmas (= griechisch »Muster«, »Beispiel«) bezeichnet der amerikanische Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn die Gesamtheit aller Grundauffassungen, die eine Wissenschaftsdisziplin in einem Zeitraum beherrschen und die Art ihrer Fragestellungen und Lösungsansätze bestimmen. Veränderungen von Paradigmen spielen sich nach Kuhn in Form diskontinuierlicher revolutionärer Umbrüche ab, in »Paradigmenwechseln«. Die tief greifenden Veränderungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Physik durch die Relativitätstheorie und die Atomphysik erfuhr, führten zu einem solchen Paradigmenwechsel in der Physik. Denker in der Tradition des New Age (z. B. F. Capra, David Bohm, Ken Wilber, Rupert Sheldrake) gehen davon aus, dass der Paradigmenwechsel in der Physik zugleich den integralen Bestandteil eines weit gespannten kulturellen Wandels bildet. Der Paradigmenwechsel habe somit nicht nur die Physik betroffen, sondern ergriff in der Folge seit etwa den 1960er-/70er-Jahren, so die New-Age-Theoretiker, die gesamte westliche Gesellschaft und Kultur im Sinne einer grundlegenden Veränderung herrschender Vorstellungen und Werte. Dabei wird das von Newton und R. Descartes begründete mechanistische Weltbild, von dem die westliche Wissenschaft seit Jahrhunderten geprägt und beherrscht ist, im New Age durch eine ganzheitliche, ökologische Weltsicht abgelöst.
 
Die Bewegung des New Age wurde auch mit einem Netzwerk (»Wassermann-Verschwörung«, so die amerikanische Schriftstellerin Marilyn Ferguson) verglichen, das, ohne politisch organisiert zu sein, weltweit im Sinne einer revolutionären Umstrukturierung der Kultur wirksam ist. New Age bezeichnet somit die Veränderung der Zeit, der Gesellschaft, der Kultur. Es ist wesentlich auf die Gruppe, das Kollektiv ausgerichtet, es spricht das Gefühl der Verbundenheit an. Wenngleich die Esoterik verschiedene Anschauungen mit dem New Age teilt, stützt sie sich, wie oben erwähnt, wesentlich auf die Transformation des Einzelnen. Nur eine Bewusstseinsänderung des Einzelnen durch Erkenntnis und eigene Erfahrung kann aus esoterischer Sicht allmählich zu Veränderungen auf kollektiver Ebene führen.
 
 
Margit u. Rüdiger Dahlke: Die spirituelle Herausforderung. Eine Einführung in die zeitgenössische Esoterik. München 21995.
 
Kleines Lexikon der Parawissenschaften, herausgegeben von Gerald L. Eberlein. München 1995.
 Marc Roberts: Das neue Lexikon der Esoterik. Taschenbuchausgabe München 1995.
 Fritjof Capra: Das Tao der Physik. Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östlicher Philosophie. Aus dem Amerikanischen. Neuausgabe München ²1997.
 Hans-Dieter Leuenberger: Das ist Esoterik. Freiburg im Breisgau 81999.
 Franjo Terhart: Das Geheimnis der Eingeweihten. Was spirituelle Persönlichkeiten uns erschließen. Neuausgabe Bergisch-Gladbach 2000.

Universal-Lexikon. 2012.